DREHSCHEIBE 
 

Anorthe Chrobot war von 2002 bis 2005 (das 2. Mal) in Bangkok. Von Bangkok nach Kiew, statt der thailändischen werden nun russische/ukrainische Vokabeln gepaukt.

Hier ihr Bericht, dem hoffentlich noch mehr folgen werden. Merke: Rotwein nimmt die Radioaktivität aus dem Blut!

 

„Heute habe ich zufällig die neue Rubik entdeckt. Ich möchte heute auch eine kleine "ukrainische Spezialität" beitragen. Wir haben uns ganz gut in der Ukraine eingelebt, nur mit der Sprache hadere ich noch ein wenig. Es ist eine sehr schwere Sprache.
Etwas vergleichbares wie die Drehscheibe gibt es nicht. Ich habe jetzt die Co-Leitung für den Sympatisch mit übernommen, so heißt das 1x monatlich stattfindende Treffen der deutschen Frauen. Es gibt hier aber wenig deutsche Frauen, die Männer verstehen es ihren Frauen zu vermitteln, dass sie besser in Deutschland bleiben sollten :-) hier legen sie sich dann eine "Zweitfamilie" zu. In meinem Alter habe ich bisher 4 Frauen kennen gelernt. Die meisten gehen aber nach 2 Jahren wieder.
Da ich jetzt allein mit Stefan in Kiew bin, Daniel studiert Psychologie in Basel, kann ich ihn häufig auf Dienstreisen begleiten. So habe ich schon viel von der Ukraine gesehen. Zu seinem Projektgebiet gehört auch Belarus, das wiederum ist ein Kapitel für sich. Nächsten Monat begleite ich ihn wieder nach Minsk.“

 

Ein Ausflug nach Tschernobyl

am 14. April 2007

 

Am Samstag haben Stefan und ich einen Ausflug gemacht, von dem ich mir vor 21 Jahren nicht vorstellen konnte, dass ich jemals in diese Gegend und sogar bis 200 Meter an den Reaktor Nr. 4 komme. Ich kann mich noch sehr gut an dieses Wochenende im April/Mai erinnern. Es war ein strahlendes Wochenende, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Ich war hochschwanger mit Daniel und wir waren mit den Kindern, meinen Eltern und Frank und Kerstin über den 1. Mai in Dänemark. Ich habe noch den Oualm im Ferienhaus vor Augen als mein Vater und Florian versucht haben, mit zu feuchtem Holz den Kamin zu entfachen.  

 

Wir wurden von den Behörden in Mitteleuropa ja eigentlich auch erst nach dem 1. Mai über den Reaktorunfall in Tschernobyl informiert. Da waren wir aber schneller informiert als die Menschen in Kiew und der gesamten Ukraine. Hier war man erstmal mit den Planungen für die Maifeierlichkeiten beschäftigt. Dann wurden die Kinder der Funktionäre aus Kiew geschafft. Als das erfolgreich abgeschlossen war, wurden die Kinder von jetzt auf gleich aus den Kindergärten und Schulen Züge gesetzt und in „saubere“ Gebiete geschafft. Die Eltern wurden erst informiert, als die Kinder schon unterwegs waren. Kiew mit seinen 3 Millionen Einwohnen konnte und wollte man nicht evakuieren. Ich habe vor einem Jahr mit einem Atomphysiker aus der früheren DDR gesprochen. Er hat mir erzählt, dass er schon am 27. April in Tschernobyl und über das Ausmaß der Katastrophe informiert war.

 

So, jetzt aber genug von meinen Abschweifungen und zurück zu unserem Ausflug.

 

Es ging morgens um 08.30 Uhr los. Wir hatten diesen Ausflug beim „Diploservice“ gebucht. Das ist eine Organisation, die dem Außenministerium unterstellt ist und Diplomaten und anderen Experten das Land näher bringen soll. Es ist fast unmöglich, als einzelne Person eine Genehmigung für das Gebiet um Tschernobyl zu bekommen. Es ging also im supermodernen Bus mit Toilette los, neben mir direkt das Wort „Notausgang“ in Deutsch.  Wir fuhren vorbei am Ministerski- See. Der heißt so, weil zu Sowjetzeiten hier nur die Minister und andere „wichtige“ Leute hier sich eine Datscha  bauen konnten. Das Wasser soll angeblich das sauberste in der Umgebung Kiews sein. Nach einer Stunde gab es eine Frühstückspause im sauberen Wald und erste Gespräche mit den anderen Teilnehmern. Wir hatten sogar kirchlichen Beistand aus dem Vatikan dabei. Nachdem Stefan ihn gefragt hat, was seine Nationalität ist, sagte er nur Vatikan. Nach erneuter Frage kam Nordeuropäer. Stefan: „Das umfasst einige Länder.“ Des Rätsels Lösung: er war Finne. Ich war erstaunt. dass wir eine ganze Busladung voll waren (ca. 50 Personen).

 

Weiter ging es, aber nicht in dem Tempo wie geplant. Denn wir hatten das Wochenende nach Ostern und da geht man traditionell zu den Gräbern der Verstorbenen und hat Frühstück mit ihnen. Dieser Brauch wurde auch zu Sowjetzeiten gepflegt. Es werden Tische an den Gräbern aufgestellt, Plastikblumen in grellen Farben mitgebracht und man isst, trinkt und singt Lieder. Es ist dann wirklich jeder auf dem Friedhof. Je nach Region finden die Feiern von Samstag bis Montag statt.  Daher gab es viel Verkehr auf der Landstraße.

 

Bei dieser Gelegenheit wurde uns von der Führerin auch gleich mitgeteilt, dass wir, wenn wir wieder aus der Gefahrenzone raus sind, jeden Abend über Wochen ein Glas Rotwein trinken sollen. Das nimmt die Radioaktivität aus dem Blut. Das sind Erfahrungswerte der letzten 20 Jahre. Arbeiter, die nach dem Unfall viel getrunken haben, leben heute noch. Das hat die slowakische Gruppe hinter uns sofort als Anlass genommen und schon mal prophylaktisch eine Weinflache geöffnet und angefangen zu trinken. Denn man kann nie früh genug mit der Medizin beginnen. Bei „Nicht-Trinkern“ langt ein Schluck am Abend als Medizin. Von diesem Phänomen des Rotweins haben wir schon auf der Krim gehört, als wir dort eine Weinprobe gemacht haben. Die Besatzungen der Atom-U-Boote  der sowjetischen Flotte bekamen täglich eine Flasche guten Aluschta Rotwein von der Krim, um die Radioaktivität aus ihrem Körper zu spülen. Ob es nur ein Märchen ist oder stimmt kann ich nicht sagen. Jetzt bin ich schon wieder weg vom Thema.

 

Nach gut zwei Stunden haben wir endlich den ersten Kontrollpunkt erreicht. Unsere Pässe wurden genau mit den Anmeldelisten verglichen. Nach 30 Minuten konnten wir endlich weiterfahren. Jetzt waren wir in der 40 Kilometer Zone. Das Land vorher war nicht dicht besiedelt, ich war froh, dass von der Strasse aus keine großen landwirtschaftlichen Flächen zu sehen waren. Mir sind fast nur brachliegende Felder ins Auge gefallen. In der Sperrzone hat die Natur die Häuser zum Teil übernommen. Noch 20 Jahre weiter und die Vegetation hat alles überwuchert. In der Stadt Tschernobyl sind einige Wohnungen wieder bewohnt, obwohl dies verboten ist. Man konnte es anhand der Blumen im  Fenster und Wäsche auf den Balkonen erkennen. Bis zum Reaktor sind es von hier noch 15 Kilometer.

 

Im Informationszentrum angekommen, gab es erstmal einige Verhaltensregeln. Nur auf gepflasterten Wegen gehen, nichts aufheben und sich nicht weit von der Gruppe entfernen. Der stellvertretende Direktor des Geländes hat uns empfangen und uns anhand eines Models die ganze Anlage erklärt. Einige Fragen wurden ganz offen beantwortet. Andere wiederum konnten nicht richtig übersetzt werden oder sie wurden auch nur ausweichend beantwortet.

 

Es arbeiten auf dem Gelände insgesamt 3800 Mitarbeiter. Es ist komplizierter ein explodiertes Atomkraftwerk zu warten, als ein laufendes oder normal abgestelltes. Die Reaktoren 1, 2 und 3 wurden nach und nach angestellt, der letzte erst im Jahr 2000. Die Mitarbeiter bekommen eine „Tschernobyl-Zulage“ von 20 € im Monat und verdienen je nach Tätigkeit bis zu 400 $. Das ist viel für die Ukraine, aber sie setzten auch jeden Tag ihre Gesundheit aufs Spiel. Eine Mitarbeiterin aus dem Büro hat uns erklärt, sie bekommt täglich soviel Strahlung wie bei einer Röntgenaufnahme. Welche Menge bekommen die Arbeiter direkt am Reaktor? Die Mitarbeiter leben im 60 km entfernten Slawutitsch, das nach dem Unfall neu gebaut wurde. Es ist ein Fantasie Name, auch ein in der Ukraine bekanntes Bier wurde so benannt. Die Arbeiter werden täglich mit dem Zug an ihren Arbeitsplatz gebracht. Wenn man es sich auf der Karte ansieht, müssen sie immer ein Stück durch Belarus fahren. Wir Ausländer könnten dort nicht wohnen, denn der Weg zu unserem Arbeitsplatz würde um einen großen Stausee des Dnipros führen. Es gibt keinen Übergang und so wäre der Weg täglich 250 Kilometer, da wir nicht einfach durch Belarus fahren könnten.  

 

Wie wir auch erfahren, haben sich um das Gebiet von Tschernobyl sehr viele Tiere wieder angesiedelt, die zum Teil auf der roten Liste für vom Aussterben bedrohte Tiere stehen. Es wurden  unter anderem einige Greifvögel genannt, die aber nicht ins Englische übersetzt werden konnten. Die Wölfe wiederum bereiten jetzt schon große Probleme, da sie bis an die Bahngleise kommen und keine Angst mehr vor Menschen haben.

 

Nach dieser Einführung gab es Mittagessen. Vorher mussten wir aber durch einen Strahlendetektor, ob wir auch „sauber“ sind. Wer jemals in der Ukraine war, weiß, was wir zum Essen bekommen haben. Salat, Borsch-Suppe, Fleisch oder Fisch mit Kartoffeln/Brei, Tee oder Kaffee. Da wir aber eine internationale Gruppe waren gab es auch Blinis mit Mohn zur Nachspeise, das gibt es normalerweise nicht.

 

Nachdem wir gut gesättigt waren, kam der 2. Programmpunkt: Erklärung das Innenleben des zerstörten Reaktors anhand eines Modells in einem Aussichtsturm. Aus diesem Aussichtsraum 300 Meter vor dem Reaktor keine Fotos. Die Erklärung: wenn man von hier aus fotografiert sieht man den Stacheldrahtzaun auf dem FotoJ. Von außen geht es allerdings.

 

Wir bekamen eine sehr offene und genaue Erklärung was passiert ist und wie der erste Sarkophag in 205 Tagen von 90 000 Freiwilligen (?) aus der gesamten Sowjetunion gebaut wurde. Die Arbeiter haben immer einige Minuten gearbeitet und wurden dann ausgetauscht.  In den ersten Tagen herrschte im Reaktor eine Temperatur von 1000 Grad. Jetzt ist es gleich bleibend bei 40 Grad. Es gibt noch einige Stellen im Inneren, die noch mit keiner Beobachtungskamera überprüft wurden. Es muss eine neue Schutzhülle gebaut werden, denn in der jetzigen gibt es schon 20 cm breite Risse, das Regenwasser kann eindringen und es beginnen Teile zu korrodieren. Die bisher feste Masse löst sich langsam in Staub auf und kann durch die Risse in die Atmosphäre gelangen. Also je länger es dauert umso gefährlicher wird die ganze Sache. Es gibt in der gesamten Ukraine noch kein Zwischen- oder Endlager für die Brennstäbe oder den radioaktiven Müll. Die Finanzierung für die Ummantelung steht  wohl schon und ein Konsortium aus der EU und anderen Ländern kümmert sich um die Planung. Aber da kommen wieder die Politik und ihre Verbindlichkeiten im Land ins Spiel und so kann sich der Bau der neuen Ummantelung noch viele Jahre hinziehen. 

 

Unsere Dolmetscherin hat in einem guten britischen Englisch den eintrainierten Vortrag gehalten und fing fast jeden Satz mit „the very“ an.

 

Nach diesem doch sehr nachdenklich machenden Vortrag ging es weiter. Wir fuhren in die Nahe gelegene Stadt Pripyat. Man kann auch unter www.pripyat.com einen Blick auf diese Stadt werfen. Diese Stadt wurde 1970 als eine der modernsten Städte in der Sowjetunion gebaut. Zur Zeit der Katastrophe lebten hier 48 000 Menschen mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren. Es gab dort moderne komfortable Wohnungen, das Kulturzentrum Energetika, Hotels, riesige sowjetische Embleme, ein Schwimmbad, Restaurants und sonstige Annehmlichkeiten. Die Stadt wurde auf Blickentfernung vom Atomkraftwerk gebaut.

Jetzt ist es eine Geisterstadt.

 

Es wurde uns erklärt, dass in der Stadt sofort aller Strom abgestellt wurde. Wann aber die Menschen evakuiert wurden habe ich vergessen zu fragen. Später wurden alle Möbel und Lebensmittel entfernt, wo sie aber entsorgt wurden darauf gab es keine Antwort. Denn alles war ja kontaminiert und damit Sondermüll. Es war schon sehr bedrückend, als wir einen kurzen Gang durch die „Stadt“ machten. Nach einem kurzen Aufenthalt ging es dann wieder zurück nach Kiew.

 

Jetzt schweife ich noch einmal kurz ab. Viktor, der Buchhalter im FES Büro war als Kind/Jugendlicher Leistungsschwimmer und er erzählte uns, dass er bis 1986 einmal im Monat nach Pripyat gefahren ist, um dort an Wettkämpfen teilzunehmen. Es war in der damaligen Ukraine das Luxusschwimmbad Nr. 1 mit Fußbodenheizung.

 Noch einmal  am Reaktor Nr. 4 vorbei und zurück durch die Stadt Tschernobyl, einen Fotostopp am Denkmal für die verunglückten und verstrahlten Feuerwehrmänner, die als erstes an der Unglücksstelle waren. Noch ein Kontrollpunkt, alle raus aus dem Bus noch mal durch den Strahlendetekor und es ging zurück nach Kiew. Jetzt habe ich den von unseren slowakischen Busnachbarn angebotenen Wein angenommen und als Medizin getrunken.

 

Zuhause habe ich mich als erstes geduscht und unsere Sachen gewaschen. Die Rotweinmedizin werden wir noch einige Wochen  zu uns nehmen. Während der Fahrt habe ich mit einem Vertreter der Schweizer Botschaft gesprochen. Er hat mir erzählt, dass es in Kiew regelmäßige Messungen der ausländischen Botschaften gibt und dass die Strahlenwerte hier wie in anderen europäischen Ländern sind. 

 

Dieser Ausflug wird mich noch eine Zeit lang gedanklich begleiten. Ich hoffe, dass die Menschen ein wenig aus dieser Katastrophe gelernt haben. Aber wenn ich die neu aufgeflammte Diskussion um den Atomausstieg verfolge, kann es doch für einige nicht so schlimm gewesen sein.

 

 

Viele Grüße aus der Ukraine,

 

Eure Anorthe

                                

 

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